Kinderbetreuung im Homeoffice

„Ohne Struktur geht es nicht“

Wie können Eltern und Alleinerziehende den Balanceakt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung meistern? Im Gespräch mit uns gibt die zweifache Mutter und langjährige Homeofficerin Nicola Becker Tipps.

Nicole Becker von SOS Kinderdorf ©privat

GENERATION Homeoffice: Du arbeitest als Online-Redakteurin bei SOS Kinderdorf und berichtest auch auf Eurer Homepage über Deine Erfahrungen mit der Kinderbetreuung im Homeoffice. Was ist denn am wichtigsten?

Nicola Becker: Struktur, Regeln und Disziplin. Als kreativer Mensch mag ich diese Begriffe zwar eigentlich nicht, aber ohne geht es nicht.

Wie sieht das bei Dir konkret aus?

Wir haben einen strikten Zeitplan. Ich stehe um sechs Uhr auf, checke alle Unterrichtsportale und anschließend meine Mails. Dann wird ein Plan erstellt mit den wichtigsten To-dos. Die ältere Tochter macht eine Ausbildung und organisiert sich selbst. Meine jüngere Tochter ist in der 6. Klasse. Sie arbeitet auch schon relativ selbstständig. Aber manchmal braucht sie doch Unterstützung. Vor allem, ob es mit der Technik klappt. Manchmal funktioniert die Bildübertragung nicht. Es ist aber wichtig, dass die Kinder ihre Lehrer sehen. Denn sich die Sachen selber beibringen, funktioniert nicht. Dabei sind wir noch privilegiert – beide Kinder haben einen eigenen Laptop und ein eigenes Zimmer. Das ist ja nicht bei allen Familien so und macht die Situation entsprechend schwieriger.

Bringt das Homeschooling eine erfahrene Heimarbeiterin auch an die Grenzen?

Ja, das kostet wahnsinnig viel Zeit und Kraft. Die Zeit ist hier Dein Gegner. Wenn ich für jedes Fach etwa 15 Minuten rechne, die ich mit Erklären verbringe und dazu noch Haushalt und einen Acht-Stunden-Arbeitstag rechne, bleibt nicht mehr viel übrig. Und es ist eine geistige Herausforderung. Den Unterschied zwischen Modal- und Kausalverben musste ich auch erst nochmal nachlesen.

Dazu kommt, dass die Pubertät kein gutes Alter ist, um mit den eigenen Kindern zu lernen. Oft kommt da eine Null-Bock-Haltung. Deswegen gebe ich das manchmal ab. Beispielsweise an die Mutter der besten Freundin. Das klappt viel besser. Umgekehrt ist es auch so, wenn ich der besten Freundin meiner Tochter etwas erkläre. Also, ab und zu mal die Kinder tauschen, ist bei Lernproblemen eine gute Idee.

Was sind die größten Probleme bei Kinderbetreuung und Homeoffice?

Bei kleinen Kindern muss man sagen, sie beschäftigen und gleichzeitig arbeiten funktioniert einfach nicht. Es geht also nur, wenn die Kinder schlafen. Als meine Kinder klein waren, habe ich morgens ganz früh gearbeitet, dann wieder während des Mittagsschlafs und abends, nachdem sie im Bett waren. Bei wichtigen Telefonkonferenzen habe ich entweder Leute eingespannt, die währenddessen aufgepasst haben. Oder ich habe den Kindern eine Eieruhr gestellt. In der Zeit durften sie mich nicht stören, außer bei Notfällen natürlich. Das waren nie mehr als 20 bis 30 Minuten, aber es hat sehr gut geholfen. Durch das Ticken der Uhr wussten die Kinder immer, wie lange es noch dauert. In der Zeit durften sie auch immer etwas tun, was ihnen besonders viel Spaß macht. Eine CD hören zum Beispiel oder ein Puzzle machen.

Was kann man noch zur Entlastung tun?

Als die Kinder kleiner waren, hatten wir ein Punktesystem. Bei drei erfüllten Punkten durften sie dann beispielsweise fernsehen. Es gab einen Punkt fürs Aufräumen, einen weiteren für Zähneputzen und einen dritten dafür, den Pyjama anzuziehen. Die Aufgaben sollten nicht zu groß sein, denn sonst klappt es nicht. Aber Zähneputzen müssen sie ja sowieso und Pyjama anziehen ebenfalls – dann geht der dritte Punkt auch relativ leicht. Heute schicke ich die Kinder zum Einkaufen. Dann haben sie gleich Bewegung und sind an der frischen Luft.

Was machst Du, wenn Deine Tochter kommt und sagt „mir ist langweilig“?

Kinder vergessen gerne, womit sie sich beschäftigen könnten, wenn Spielsachen in Schränken oder Kisten geräumt sind. Wir haben daher eine Liste mit Ideen am Schrank hängen. Da steht zum Beispiel drauf, ‚Kiste mit Spielsachen auspacken‘. Oder ‚Kuchen backen‘. Eine Idee ist auch, eine ‚Süßigkeit verpacken und bei einer Freundin in den Briefkasten werfen‘. Oder es gibt eine Anregung zum Lernen - sich etwa ein Vokabel-Kreuzworträtsel oder einen Bio-Test ausdenken und in der Chat-Gruppe teilen. Kinder haben Spaß daran, sich selbst Aufgaben auszudenken und die dann zu korrigieren.

Oft verabreden sich die Kinder und spielen dann online Stadt-Land-Fluss. Für mich ist das auch gut, dann habe ich wieder ein paar Stunden, in denen ich ungestört arbeiten kann.

Und wie wird man Kolleginnen und Kollegen gerecht? Viele erleben Unverständnis, wenn im Hintergrund die Kinder schreien?

Immer kommunizieren! Damit alles so transparent wie möglich ist. Also sollte man immer dem Team Bescheid geben, wann man erreichbar ist und wann nicht, weil man sich um die Kinder kümmert. Und klarstellen, dass man dafür abends arbeitet. Nur so weckt man Verständnis.

Du warst zwischendurch jahrelang im Büro und bist Corona-bedingt zurück im Homeoffice – wie ist das für Dich?

Auch wenn es viel ist – ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich endlich wieder beiden gerecht werde – Job und Kindern. Als die Schulen zwischenzeitlich offen waren und die Kinder mittags nach Hause kamen, konnte ich mir die Zeit nehmen und mir erzählen lassen, wie ihr Tag in der Schule war. Dann sprudeln sie los und erzählen, was sie erlebt haben. Wenn ich früher abends nach Hause gekommen bin und nach ihrem Tag gefragt habe, kam meistens nur ein ‚ganz ok‘. Im Homeoffice bekommt man viel mehr mit von den Kindern.

 Was ist das größte Problem bei der Heimarbeit?

Es braucht zuhause eine ganz andere Disziplin den Rechner auch wieder auszumachen. Ich bringe freitags den Rechner in den Keller. Das ist so ein Ritual, damit ich nicht auf die Idee komme, am Wochenende doch noch mal schnell E-Mails zu checken.

Du sagst auch, dass man sich von der Perfektion verabschieden muss…

Ja, denn das schafft man nicht. Also darf es ruhig die Fertigpizza sein. Man muss auch nicht immer das große Gesellschaftsspiel spielen, sondern es reicht schon mal eine Runde Uno. Und Eltern dürfen ihren Kindern ruhig mal sagen, dass sie Zeit für sich brauchen. Auch hier ist offene Kommunikation wichtig. Das verstehen Kinder meistens. Ich versuche, möglichst viel gemeinsame Zeit in den Alltag einzubauen. Damit wir nicht nur Arbeitsblätter abrocken. Wir versuchen zum Beispiel, so oft wie möglich zusammen zu kochen.

Was ist denn Dein Lieblingsrezept fürs Homeoffice?

Wir haben einen Heißen Stein gekauft und sind jetzt Flammkuchen-Spezialisten. Da kann jeder seinen Teig selbst belegen und es gibt kein Gemecker, dass es nicht schmeckt. Außerdem Aufläufe jeder Art. Am besten macht man gleich so viel, dass es für mehrere Tage reicht.

 

Nicole Becker mit ihren zwei TöchternNicola Becker ist Online-Redakteurin bei SOS Kinderdorf und hat zwei Töchter. Sie kennt den Balanceakt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung nur zu gut - als ihre Kinder noch klein waren, arbeitete sie von zuhause aus. Später kam die Festanstellung und damit der Wechsel ins Großraumbüro. Aufgrund von Corona ist sie zurück im Homeoffice und hat trotz der größeren Belastung den Eindruck, endlich Kindern und Job gerecht zu werden.

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