Exklusiv-Interview

„Ein Zurück zum Alten gibt es nicht“

Der Trend zum Homeoffice setzt auch Betreiber von Kantinen unter Druck. Daher ist es Zeit für die Online-Kantine, findet Jan Dinter, der Mitgründer von eurekantine.de. Mit Generation Homeoffice spricht er über den Umbruch eines riesigen Marktes und warum mit seinem Essen Schluss ist mit dem Nachmittagstief.

Jan Dinter und Oliver Meisner ©we celebrate

Jan Dinter (links) ist 2013 als einer der ersten Unternehmer mit Food-Trucks in Deutschland gestartet. Mit seinem Geschäftspartner Oliver Meisner wollte er „einfach geile Burritos nach Deutschland bringen“. Daraus entstanden später Kantinen auf Zeit und schließlich das jüngste Projekt – eurekantine.de.

GENERATION Homeoffice: Jan, Du bist eigentlich BWLer. Wie bist du auf die Idee mit eurekantine.de gekommen?

Jan Dinter: Wir sind 2013 gestartet mit Food-Trucks und hatten vier Geschäftsbereiche. Der größte war der Eventbereich. Außerdem hatten wir die Interimskantine. Das heißt, wenn die Kantine eines Unternehmens wegen eines Wasser- oder Brandschadens ausfällt, springen wir ein.

Das kam so gut an, dass manche Mitarbeiter sich überlegt haben, ob sie nicht nochmal ein Feuer legen sollen, damit wir länger deren eigentliche Kantine ersetzen. 2019 hatte ich dann mit meinem Geschäftspartner Oliver Meisner zusammen die Idee, wie wir die temporäre Lösung Unternehmen dauerhaft anbieten können.

Viele Unternehmen leisten sich schon länger keine eigenen Köche mehr, sondern lassen das Essen von großen Anbietern anliefern. Was ist an eurem Konzept überzeugender?

Es gibt 20 große Player. Da war klar, wir können nur bestehen, wenn wir nicht nur besser, sondern auch günstiger, digital und flexibel sind. Wir nehmen bewusst einen höheren Wareneinsatz - für eine höhere Foodqualität. Die Idee ist, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter mit einem guten Essen wertschätzen können. Das Unternehmen zahlt einen Mitgliedsbeitrag im Monat. Für die Mitarbeiter kostet das Essen dann nur sechs Euro.

Das ist nicht viel für ein hochwertiges Essen, Lieferung und abzuholendes Geschirr – wie rechnet sich das?

In den Kosten ist nur der Wareneinsatz enthalten. Der Mitgliedsbeitrag deckt die Logistik ab. Unser Essen hat in regulärer Gastronomie einen Wert von zehn bis 15 Euro. Die Menschen denken aber, ein Essen in der Kantine darf nicht mehr als fünf Euro kosten. Da geht es dann wieder um Wertschätzung – die Unternehmen übernehmen einen Teil der Kosten, damit ihre Mitarbeiter ein leckeres und gesundes Mittagessen bekommen.

Wie rechnet sich das für die Unternehmen?

Der große Vorteil ist, dass sie keine Investitionskosten haben. Eine eigene Kantine ist teuer und muss spätestens nach zehn Jahren generalüberholt werden. Aber auch für Unternehmen, die aus Platzgründen keine On-site-Kantine haben oder kleinere Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern ist unser Konzept interessant. Der Markt ist riesig. Und die Branche ist sich mit all ihrer Angst einig, dass es kein Zurück zum Alten gibt. Denn wenn es am Ende so kommt, dass auch nur ein Homeoffice-Tag übrigbleibt, bedeutet das einen Rückgang von bis zu 20 Prozent für Kantinenbetreiber.

Es gibt aber auch jede Menge Konkurrenz. Wie kann man da bestehen?

Wir haben den Vorteil eines jungen, dynamischen Unternehmens. Unsere Kunden sind die Unternehmen, nicht die Mitarbeiter. Bisher funktioniert das gut: Am 22.11. sind wir mit eurekantine.de online gegangen und haben mittlerweile 20 Unternehmen als Kunden gewonnen.

Wenn Mitarbeiter eines Unternehmens im Homeoffice sind, aber trotzdem Lust auf Zucchini-Pasta-Salat mit Minze oder Hackbällchen mit Grüner Sauce haben - wie könnt ihr ihnen helfen?

Wir geben uns nicht der Illusion hin, ein zweites Lieferando zu werden. Eine individuelle Lieferung bis an die Haustüre können wir nicht kostendeckend machen. Für Leute im Homeoffice haben wir dennoch ein Angebot. Wir bringen das Essen zwar nicht zu jedem Einzelnen, aber wenn beispielsweise zehn Mitarbeiter in einem Umkreis von 5 Kilometern wohnen, liefern wir an eine Abholstation.

Eine andere Möglichkeit, die schon jetzt oft genutzt wird, ist, dass Mitarbeiter gleich zwei Essen bestellen – eins für die Mittagspause und eins für abends oder für den nächsten Tag. Das ist ein Vorteil, dass wir kalt anliefern. So geht keine Qualität verloren.

Was braucht man, um die Essen warm zu machen? Die Mikrowelle ist vermutlich nicht ideal?

Wir hatten eine ähnliche Meinung von Mikrowellen, aber das stimmt nicht. Mikrowellen töten keine Nährstoffe ab. Im Gegenteil – bei Warmanlieferung geht Qualität verloren. Daher haben wir uns für die Kaltanlieferung entschieden. Der Prozess des Erhitzens ist in den Kochprozess mitgedacht. Wir rechnen also die sechs Minuten in der Mikrowelle ein. Daher bieten wir beispielsweise keine Pommes an, weil es bisher keine gibt, die man in der Mikrowelle knusprig bekommt. Dafür haben wir Schnitzel mit einer speziellen Panade im Angebot und Kartoffelsticks, denn die werden in der Mikrowelle knusprig. Je nach Anzahl der Personen kann man auch einen Kombidämpfer benutzen. Darin kann man zehn und mehr Essen gleichzeitig warm machen.

Wie kommt man auf Kartoffelsticks, die für die Mikrowelle geeignet sind?

Für die Foodentwicklung haben wir uns Experten ins Haus geholt. Darunter eine Ernährungswissenschaftlerin, einen Koch, und jemand, der sich mit der Steuerung von Produktionsprozessen auskennt. Herausgekommen sind circa 20 Gerichte aus drei verschiedenen Foodwelten: die leichte, italienisch inspirierte, die regionale - dazu gehören die Hackbällchen in Frankfurter grüner Sauce, und die asiatische Fusion-Küche, die offen ist für verschiedene Einflüsse.

eurekantine.de ©we celebrate

Ihr wollt mit gesundem und regionalem Essen punkten. Wie setzt sich ein qualitativ gutes Essen zusammen?

Für uns war gutes Essen immer eine Frage des Genusses. Aber auch, dass man auf seinen Körper aufpasst. Vor allem, wenn man von ihm Leistung verlangt. Darauf sind unsere Rezepte extra abgestimmt. Muscle-Food für Menschen, die körperlich arbeiten und Brain-Food für Kopfarbeiter. Unsere Gerichte sind erstmal alle vegan oder vegetarisch und schmecken ganz ohne Fleisch. Das gibt es aber auch - als Add-on. Ich glaube fest daran, dass die Menschen überzeugt sind, wenn sie erstmal den Effekt eines ausgewogenen Essens spüren. Denn dann schlägt nachmittags die Essensmüdigkeit nicht mehr zu und man braucht nicht literweise Kaffee, um wach zu bleiben. Trotzdem hat natürlich auch ein Burgertag seine Daseinsberechtigung.

Leichte Küche für die Kalorienbilanz und regionale Zutaten für die Umweltbilanz?

Nachhaltigkeit ist Teil der Philosophie. Daher ist Mehrweggeschirr ein Muss. Und wo es möglich ist, nehmen wir regionale Produkte. Außerdem produzieren wir nur, was tatsächlich gegessen wird und vermeiden so, Lebensmittel wegzuwerfen. Bei unseren neuen Lieferfahrzeugen setzen wir auf Strom oder Wasserstoffantrieb.

Ihr wollt 2021 expandieren. Plant ihr Standorte in anderen Regionen in Deutschland oder wollt ihr aus der Frankfurter Gegend in alle Richtungen liefern?

Bis Ende des Jahres wollen wir bis zu 3.500 Essen pro Woche ausliefern. Aktuell bereiten wir 150 Essen am Tag zu – mit einem Koch. Wir haben allerdings den Vorteil, ein Start-up in einem bestehenden Unternehmen zu sein. Wir können daher auf Lager, Küche und Köche zurückgreifen. Wenn wir expandieren, erhöhen wir die Zahl der Kochstationen. Am Charmantesten wäre natürlich, alles selber zu machen. Aber eine Partnerschaft mit einem bestehenden Player kann für die bundesweite Expansion ebenfalls attraktiv sein.

Hast Du ein Büro vor Ort oder schwörst Du auf Homeoffice?

Das ist sehr gemischt. Ich sitze im Büro in unserer Agentur, mache aber auch immer mal wieder Homeoffice. Ich kann nahezu von überall arbeiten. Wichtig sind Motivation und Disziplin. Seit ich Papa geworden bin, ist das zuhause allerdings etwas schwieriger.

Hast Du einen Tipp für Homeofficer? Was zaubert man sich schnell, gut und gesund, wenn man eine Stunde Mittagspause hat?

Wenn ich selbst koche, stehe ich meist mehrere Stunden in der Küche - daher kann ich dazu nicht wirklich etwas sagen. Aber ich habe eine Buchempfehlung, „Jamies 15-Minuten-Küche“ von Jamie Oliver.

Was ist deine Zukunftsvision für eurekantine.de?

Wir wollen ein entscheidender Teil der Revolution der Gemeinschaftsgastronomie sein. In der Pandemie hat sich der Trend um ein Vielfaches beschleunigt. Für uns ist es eine Riesenchance dabei zu sein, wenn der Markt neu aufgeteilt wird. Dafür müssen wir schnell und laut sein.

 

Essen ist für den leidenschaftlichen Freizeitkoch Jan Dinter eine Genussfrage. Deswegen ist er überzeugt, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern mit einem bezuschussten Mittagessen ihre Wertschätzung zeigen sollten. Bei eurekantine.de stehen Gerichte wie Rosmarin-Rinder-Polpette mit Kichererbsen in Tomaten-Sugo und Minz-Erbsen-Gremolata oder gezupfter Teriyaki-Lachs mit Soja-Orangen-Glaze, Sesam-Karotten und Miso-Mayo auf der Karte. Bestellt wird per App oder direkt auf der Webseite. Das Essen wird dann in die Firma oder an eine Abholstation geliefert.

 

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